No getting away – Kein Entkommen

Wenn ich zur anderen Unterkunft komme, um die Schüler für meinen Kurs abzuholen,  läuft mir Halim entgegen.  Am Anfang war er eher schüchtern, und er fuhr auch gar nicht gern in meinem Auto mit.  Als ich einen neuen Autokindersitz kaufte, änderte sich das, ich glaube, der Sitz verhinderte, dass er von den Großen eingezwängt wurde.  Inzwischen kommt er immer auf mich zugelaufen und lässt sich von mir laut lachend und kreischend hochwirbeln.  Er ist seit Wochen nicht mehr mit bei uns gefahren, weil seine Mama mit dem neuen Baby zuhause bleibt und er mit ihr.  Aber heute ist er sofort ins Auto gestiegen und hat sich geweigert wieder herauszukommen.  Wir haben seiner Mutter Bescheid gesagt, dass wir ihn mitnehmen und sein Papa,, der mit dem Fahrrad schon voraus gefahren war, war ziemlich überrascht, als er Halim im Hotel auf sich zuspringen sah.

Wir hatten ja auch genug Platz im Auto, denn Nesrin kommt seit ein paar Tagen nicht mehr mit zum Unterricht.  Während wir auf sie warteten, sah ich ihren Mann im Hof stehen und fragte ihn, ob es ein Problem gäbe.  Er spricht schon recht gut Deutsch und er antwortete: „Kein Problem mit der Schule.  Nesrin hat ein Problem mit mir.“  Was auch immer vorgefallen ist, die beiden scheinen nicht mehr miteinander zu reden, und er hat derzeit bei Freunden in einem anderen Zimmer Unterschlupf gefunden.  Die anderen sagen, sie versuchen zu helfen – und ich will mich gar nicht einmischen, überhaupt wird jemand, der mit beiden sprechen kann,  sicher passender sein.  Ich hoffe, dass sie ihre Differenzen, egal, um was es geht, aussortieren können.

Aber es zeigt, wie schwer das ist, wenn eine Familie, Frau, Mann, Kinder, alle in einem Zimmer wohnen und es keine Rückzugsmöglichkeiten gibt.  Das Wissen, dass es ihnen hier verhältnismäßig gut geht und sie sicher sind, räumt nicht automatisch alle Schwierigkeiten aus dem Weg.  Diejenigen, die von Geflüchteten Dank einfordern, verstehen nicht, dass man für Unterkunft, Essen, Hilfe dankbar sein kann,  ohne alles gut finden zu müssen.  Es heißt auch nicht, dass wenn die größten Sorgen, vor denen man geflohen ist, weg sind, man keine Sorgen mehr hat. Es gibt auch ganz private Probleme, die weiter existieren oder vielleicht ohne die unmittelbare Gefahr sogar größer werden.  Und es wird auch neue Probleme geben.  Geflüchtet sein heißt ja nicht ohne Bezug zum Alltag zu leben , sondern es heißt, ein gewöhnliches Leben zu haben und zusätzlich noch Flüchtling zu sein.

 

108 web

 

When I arrive at the other refugee lodgings to collect the students for my course, Halim keeps running towards me.  In the beginning, he was rather shy, and he didn’t really like to drive in my car. Then I got a new children’s car seat and this changed. I think the seat prevented the big ones  squashing him.  Now he usually runs up to me and lets me swirl him around, screaming with laughter.  He hasn’t come with us for some weeks, though, since his mum is staying home with his new-born baby brother and is he.  But today he immediately climbed in the car and refused to come out. We told his mother that we were taking him along and his dad, who had biked ahead, was pretty surprised when he saw Halim bounding towards him at the hotel.

We did have enough space in the car as Nesrin has missed class for a couple of days.  While waiting for her  I saw her husband standing in the courtyard and asked him if there was a problem.  He speaks German already quite well and his answer was: “No problem with the school. Nesrin has a problem with me.”  Whatever happened, they seem to have stopped talking with each other and he staying with friends in a different room.  The others said they were trying to help – I don’t want to interfere, and I’m sure that somebody who speaks their language is in any case better suited to help.  I hope they can sort out their differences, whatever they are.

But it gives an indication how difficult it is when a family, a husband, a wife, children, all live in a single room and have no chance to withdraw.  The knowledge that they are relatively well off and safe here doesn’t remove all obstacles and problems.  What those people who demand gratefulness from refugees don’t understand is that being thankful for shelter, food, help doesn’t mean having to like everything.  It also doesn’t mean that when the biggest worries, which were the reason for leaving home, have disappeared no other worries are left.  There are entirely private problems which remain or even grow without any immediate danger.  And there will be new problems, too.  Being a refugee doesn’t mean to live without connection to everyday life but to live an ordinary life and being a refugee on top of that.

 

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