Train of thought – Gedanken auf Reisen

Ich bin heute Morgen um 4 Uhr aufgestanden. Harun, Zamirah und ihre vier Kinder, so wie auch Tarek und Latifa mit Halim und dem Baby haben heute die Anhörung über ihren Asylantrag.  Sie findet in einem Ort statt, der einiges südlich von hier liegt.  Sie wurden angewiesen, um 8 Uhr da zu sein, aber man weiß im Voraus nicht, ob das eigentliche Gespräch um 8 Uhr, um 11 Uhr oder um 3 Uhr nachmittags stattfindet.  Dies sind Erfahrungswerte von anderen – in dem Brief ist kein Hinweis darauf.  Ein Wink, dass es vielleicht ratsam wäre, für die Wartezeit Essen und Trinken mitzubringen, besonders für die Kinder, wäre in einem amtlichen Schreiben zu viel verlangt.

Selbst für Deutsche, die selten mit dem Zug fahren, ist Fahrkartenkaufen am Automaten alles andere als einfach, umso mehr, wenn es sich um verbilligte Gruppentickets handelt – wobei das den meisten Offiziellen ziemlich egal ist, denn die Fahrtkosten werden ja vom Staat ersetzt – warum sich also darüber Gedanken machen?  Dann muss man den Fahrplan lesen können und wissen, wie man vom Bahnhof zum Amt kommt, ob man laufen kann oder eventuell Straßenbahn fahren muss, vielleicht noch mit Umsteigen.  Und all das in einer Sprache, die die Menschen zu diesem Zeitpunkt nur bedingt beherrschen.  Ich habe in Saudi Arabien gelebt und weiß, wie schwer es ist, sich zurechtzufinden, wenn man nicht mal die Straßennamen lesen kann.  Bei der Vorstellung, ich hätte mich dort ohne Hilfe durchschlagen müssen – von dem Papierdschungel gar nicht zu reden – wird mir schlecht.

Ich half, sie alle zum Bahnhof zu fahren, aber meine Schwester wird sie bis zum Amt begleiten. Schon am Bahnhof kam die nächste Hürde: er ist so früh noch geschlossen. Man kommt nur durch eine Unterführung (Treppen, die mit Kinderwagen oder Rollstuhl schwer oder gar nicht zu bewältigen sind) zu den Gleisen.  Es gibt eine Möglichkeit diese Hürde zu umgehen, aber ein Ortsfremder findet mangels auffälliger Beschilderung die Unterführung kaum, geschweige denn, den Umweg.

Meine Schwester wird nicht mit ins Büro können, wo das Gespräch stattfindet, das ist nicht erlaubt.  Wir beide können nur hoffen, dass es Harun und den anderen gelingt, alles zu erzählen, was sie ihr erzählt haben, dass sie die Zeit und Ruhe bekommen und den Mut haben werden, jedes schreckliche Detail, das sie zu ihrer Flucht getrieben hat, zu schildern, dass der Dolmetscher seinen Job gut macht, und dass sie richtig verstanden werden, auf sprachlicher und menschlicher Ebene.

In der Zwischenzeit kann ich nur hier sitzen und darauf warten, dass sie zurückkommen, um zu erfahren, wie es gelaufen ist.  Die Entscheidung, ob ihnen Asyl gewährt wird oder nicht,  wird erst in etlichen Monaten kommen.  Natürlich sind derzeit etwa eine Million Flüchtlinge (auf ein paar Hunderttausend mehr oder weniger kommt’s nicht an) in Deutschland, aber natürlich mache ich mir hauptsächlich Gedanken um die, die ich persönlich kenne.  Natürlich.

Update: Es war gar nicht die Anhörung. Es war die erste Antragstellung – mit anderen Worten: sie sind jetzt seit Anfang Dezember hier (seit Sommer in Deutschland) und haben erst jetzt ihren Antrag auf Asyl stellen können.

126 train

I got up at 4 am this morning.  Harun, Zamirah, and their four children, as well as Tarek and Latifa with Halim and the baby have their interview concerning their asylum application today. It will take place in a town to the south of here.  They have been told to be there at 8am although there is no telling whether the actual appointment will be at 8am o r at 11am or 3pm. This is judging from experience of others – in the letter there is no information about this.  A hint that it might be advisable to bring food and drink for the waiting period, especially if children are in the group, is too much to ask in an official letter.

Even for Germans who don’t often take the train it is far from easy  to buy a ticket from an automatic machine, even more so if one is looking for a group ticket at a reduced price – not that this is of any concern to most of the officials since the costs will be refunded by the state – so why bother?  Then they have to be able to read the time table and find the right train and how to get from the train station to the office building, whether one is able to walk the distance or has to take a tram, possibly switching lines as well.   All this in a language they speak at this stage only to a limited extent.  I’ve lived in Saudi Arabia and know how difficult it is if one is not even able to read the street signs.  I feel nauseated imagining if I would have had to find my way there without help – and I’m not even talking about the paper jungle.

I helped to drive them to the station but my sister will be with them on their whole journey.  At the station we met the next barrier: at this time in the morning it was still closed.  The platforms can only be reached through a pedestrian underpass (stairs, difficult, even impossible to navigate with a pram or a wheel chair). There is a way around but a non-local traveller will hardly find the underpass let only this detour due to a lack of visible signs.

My sister will not be allowed with them in the office itself, that is now allowed.  We can both only hope that Harun and the others will be able to tell everything they have told her, that they will get the time and tranquillity and find the courage to describe every horrifying detail of the reasons that let to their flight,  that the interpreter will do his or her job well, and that they are properly understood, not just on the language level but on the human level as well.

In the meantime, I can only wait for them to return and find out what happened. The decision whether they will be granted asylum or not will only be heard in a several month’s time.  Of course, there are currently a million refugees (give or take a few hundred thousands) in Germany – but of course, I am mainly concerned about the ones I know personally.  Of course.

Update: It wasn’t the interview.  It was the first  application – in other words: they’ve been here since December (and in Germany since summer) and have only been able to file their application for asylum now.

 

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