Heartfelt – Von Herzen

Wie ich schon mehrmals erwähnt habe, hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die Gruppenstärke für Alphabetisierungsklassen auf 15 beschränkt.  In der jetzigen Gruppe hatte ich in den vergangenen Monaten 16 Teilnehmer, weil die Schule damit rechnete, dass der eine oder andere nach einiger Zeit aufgeben würde. Hat aber keiner gemacht.

Als ich die Teilnehmerliste für das zweite Modul ausgehändigt bekam, sah ich einen neuen Namen darauf, und somit sind es nun 17 in der Klasse.  Die Sachbearbeiterin bemerkte den Fehler sofort und wollte den neuen Teilnehmer streichen.  Aber ich wollte ihn unbedingt behalten!

Vielleicht erinnert sich jemand an die Geschichte des vierjährigen Malik, der mit seinen beiden jungen Onkeln in einem Boot über das Mittelmeer nach Deutschland gekommen ist.   Die Brüder rechneten mit ein paar Monaten, vielleicht sogar nur Wochen bis Malik wieder mit seinen Eltern zusammen sein würde, aber die Wartezeit hat sich auf zwei Jahre erstreckt.  Ein weiterer Onkel stieß nach einigen Monaten zu ihnen, aber Maliks Eltern saßen in der Türkei fest, wo sie auf einen Termin mit der deutschen Botschaft warteten und auf eine legale Familienzusammenführung hofften.  Und jetzt sah ich den Namen von Maliks Vater auf meiner Kursliste.  Natürlich wollte ich ihn in meiner Klasse!  Die drei Brüder waren unter meinen ersten Schülern, waren unter den ersten Geflüchteten, die ich vor zwei Jahren kennenlernte, und sie haben einen besonderen Platz in meinem Herzen, genau wie Malik, der in der Vergangenheit oft mit unserem Enkelsohn  gespielt hat.

Als ich wieder zuhause war, fragte ich mich allerdings, ob ich mir mit dieser Entscheidung wirklich einen Gefallen getan hatte.  Ich hatte Farid noch nie getroffen, kannte nur seinen Namen.  Ich hatte keine Ahnung, wem seiner Geschwister er ähnelt.  Dem leichtsinnigen Mahmoud, ein Hallodri wie er im Buche steht, der nicht einmal auf Arabisch schreiben konnte?  Dem gewissenhaften und fleißigen Salah, der aber auch wenig formale Schulbildung mitbrachte?   Oder Adil, der von sich selbst sagt, dass er keinen Kopf zum Lernen hat?   Konnte ich überhaupt erwarten, dass Farid es schaffen würde, den Anschluss an die Klasse zu finden?  Würde er sich überhaupt aufs Lernen konzentrieren können angesichts der Tatsache, dass seine Frau und seine anderen Kinder noch in einem Camp in der Türkei warteten?

Ich hätte mir keine Sorgen machen brauchen.  Es ist eine Freude, Farid zu unterrichten.  Er hat eine rasche Auffassungsgabe und folgt meinem Unterricht mit voller Aufmerksamkeit.  Jeden Tag wiederhole ich am Ende des Unterrichts mit ihm (und allen, die sich beteiligen wollen) die Lektionen des ersten Buches.  Ich habe keinerlei Zweifel, dass er in wenigen Wochen das Niveau der anderen erreichen wird.

Er hat aber auch einen ganz besonderen Privatlehrer.  Jeden Abend setzt sich Malik, der im September eingeschult wurde, neben seinen Papa, macht Hausaufgaben und lernt Vokabeln mit ihm.  Wie ich höre, ist er ein strenger Lehrer, der auf den richtigen Präpositionen und Artikeln besteht (obwohl das in meiner Klasse noch gar nicht behandelt wurde).

Wenn ich doch nur für jeden Schüler einen Erstklässler als Nachhilfelehrer hätte!

247 Malik

As I have mentioned before the Federal Agency for Migration and Refugees has limited the number of participants in alphabetisation classes to 15.  I’ve had 16 participants for the last two months because the school was counting on one or two of them dropping out after a short while.  Yet nobody did.

When I was handed the attendance list for the second module I noticed a new name on it making it 17 participants.  The person in charge of immediately spotted the mistake and was about to scratch out the new participant.  But I definitely wanted to keep him!

Maybe some one remembers the story of  four-year-old Malik who came to Germany across the Mediterranean  in a boat with his two young uncles.  The brothers were thinking that Malik would be reunited with his family in a few months, maybe even a few weeks but it took two years.  Another uncle joined them after a couple of months but Malik’s parents were stuck in Turkey, waiting for an appointment at the German Embassy and hoping for a legal family reunification.  And now I recognised the name of Malik’s dad on my list.  Of course I wanted him in my class!  The three brothers were amongst my first students, were amongst the first refugees I met two years ago, and the y have a special place in my heart, as has Malik who often played with our grandson in the past.

When I got home, however, I started to wonder whether I had done myself a favour with this decision. I had never met Farid, I only knew his name.  I had no idea whom of his brothers he resembled.  Carefree, even frivolous Mahmoud who couldn’t even write in Arabic?  Conscientious and hardworking Salah who also hadn’t had much formal schooling?  Or Adil who says about himself that he has no mind for studying?  Could I expect that Farid would be able to catch up with the class? Would he even be able to concentrate on learning with his wife and other children still waiting in a camp in Turkey?

I needn’t have worried.  It is a pleasure to teach Farid.  He is a fast learner and concentrates hard during class. Every day I repeat with him (and every one else who likes to sit in)  the lessons from book 1.  There is no doubt in my mind that he will soon be at the same level as the others.

He does have  a very special private tutor, though.  Every night Malik, who started school in September, sits next to his dad and helps him with homework and vocabulary. From what I hear he is a strict teacher who insists on proper prepositions and articles (although I haven’t touched these  subjects in my class yet).

If only I had a firstgrader as tutor for every one of my students!

2 thoughts on “Heartfelt – Von Herzen

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