Turf wars – Revierstreitigkeiten

Emres Situation ist nicht einfach. In Syrien war er ein geachteter Handwerker. Er versorgte seine Familie und konnte alle seine Kinder auf die Universität schicken. Ein Partriarch im besten Sinne des Wortes. Er folgte seinen gut ausgebildeten Töchtern nach Deutschland, wo sie Zuflucht fanden und wo er nun seit drei Jahren lebt. Er ist Mitte fünfzig und finanziell vom Staat abhängig, im täglichen Leben muss er sich auf seine Kinder verlassen, die schon gut integriert sind. Die Chancen, dass er je wieder in seinem erlernten Beruf arbeiten wird, sind gering.

Ich habe durchaus Verständnis für seine Situation und es ist mir wichtig, dass man das versteht.

Emre und seine Frau, die ebenfalls in meinem Kurs ist, kommen jeden Tag zu spät. Rechtzeitig da zu sein, wäre unbequem für sie, aber nicht unmöglich. Ich bestehe darauf, dass der Unterricht pünktlich beginnt. Täglich 15 fehlende Minuten summieren sich, am Ende eines Moduls sind das über 6 Stunden, eine ganze Menge. Und diese Zeit fehlt ja nicht nur den beiden, sondern zumindest teilweise der ganzen Klasse. Ich habe diese Rechnung schon oft an der Tafel illustriert, aber wenig Erfolg damit gehabt.

In unserer Klasse gibt es keine feste Sitzordnung, jedenfalls nicht prinzipiell. Aber die Kursteilnehmer sitzen doch mehr oder weniger alle täglich am gleichen Platz. Vergangenen Donnerstag fragte mich Marwa, ob sie weiter vorne sitzen könne und ich nickte nur. Emres and Rabeas Schreibtische waren noch unbesetzt. Als die beiden kamen, schien sie die Neuordnung nicht zu stören.

In der Pause ließ Emre Marwa allerdings unmissverständlich wissen, dass sie seinen Platz räumen sollte, wogegen ich aber sofort eingriff. Er wurde sofort laut und aggressiv, was ich so noch nie erlebt habe. Ich sagte ihm, dass jeder dort sitzen könne, wo frei sei, und wenn er rechtzeitig zum Unterricht käme, könnte er sich seinen Platz aussuchen. Er war ziemlich zornig und als ihm klar wurde, dass ich nicht klein beigeben würde, packte er seine Sachen, schrie: “ICH – ZUHAUSE!!” und stürmte aus dem Klassenzimmer.

Seine Frau und Najim brachten ihn kurz darauf zurück und Najim versuchte in leicht herablassender Art seinem Geschlechtsgenossen zu helfen, indem er den Frauen sagte, was sie tun sollten. Sofort boten einige der weiblichen Kursteilnehmer Emre ihren Platz an, aber ich ließ es nicht zu. Ich akzeptiere in meinem Klassenzimmer kein männliches Dominanz gehabe und ich werde auch nicht die einzige Waffe gegen Unpünktlichkeit aus der Hand geben. Letzlich beruhigten sich alle und der Unterricht ging weiter.

I bin gespannt, ob Emre am Montag in die Schule kommt und ob er pünktlich da sein wird.

Emre’s situation is not easy.  He was a respected artisan in Syria.  He provided for his family and sent all his children to university.  A patriarch in the best sense of the word.  He followed his well-educated daughters to Germany where they had found refuge and where he has been living now for the past three years.  He is in his mid-fifties and financially dependent on the state, navigating this new life relying on his children who are becoming well integrated.  He, on the other hand, will probably never work again in his metier.  

I sympathise with his situation and it is important to me that this is understood.

Emre and his wife Rabea, who is also in my class arrive late every day.  Coming on time would inconvenience them but it is not impossible.  I insist that my class starts on time.  15 minutes missed daily add up to more than 6 periods in one module, that’s quite substantial.  And this is not only lost time for both of them but to a large extent for the whole class. I’ve illustrated this numerous times on the blackboard but to no avail.

We don’t have a fixed seating arrangement in the classroom, at least not officially.  But the students sit more or less in the same place every day.  On Thursday, Marwa asked if she could sit further in the front and I simply nodded.  Emre’s and Rabea’s desks were still empty.  When they arrived they did not seem to mind the different arrangement.

However, during break Emre told Marwa in no uncertain terms that she should vacate his seat and I intervened.  He became immediately loud and aggressive in a way that I have never experienced.  I told him that everybody could sit where they wanted and if he came on time he could pick any seat he wanted.  He was quite irate and when he realised that I was not backing down he grabbed his things shouting: “I – AT HOME!!” and stormed out of the room.

He was brought back a short while later by his wife and Najim. Najim was trying to sort things out in a slightly condescending fashion, helping his male friend by telling the women what to do.  Some of the female students were quick to offerEmre their own seat but I was having none of it.  I won’t allow male dominance in my classroom and I won’t let go of the one weapon that I have to enforce punctuality.  In the end, everybody settled down and the class resumed.

I wonder whether Emre will be back in school tomorrow and whether he will be on time.

7 thoughts on “Turf wars – Revierstreitigkeiten

  1. Oh dear. I imagine different social expectations impose far more challenges on you than simply teaching German ever does. I’d be interested in how he’d tell the same story, but I doubt if I’d recognise it. Do let us know what happens next time he’s due in class.

    Liked by 1 person

  2. Hallo. Ich arbeite auch mit Geflüchteten. Man braucht (besonders als Frau) bei den Männern viel Diplomatie, Psychologie und Taktgefühl. Sie haben ihr Status in der Gesellschaft quasi verloren, man darf sie nicht noch weiter “erniedrigen” (in ihren Augen), sonst verliert man sie vollständig für die Integration. Es ist echt eine harte Arbeit und ich wünsche Ihnen viel Glück und Erfolg bei diesem Konflikt.

    Liked by 1 person

    1. Danke. Heute kam die Überraschung. Ich werde versuchen, das heute noch aufzuschreiben. (Tipp: es war eine gute Überraschung). Und ja, es ist nicht immer einfach. Deshalb hab ich ja auch diesen Absatz vorne hingestellt. Ich verstehe Emres Probleme, aber ich habe auch keine guten Erfahrungen damit gemacht, wenn ich nur nachgebe. Es ist eine Gratwanderung. Danke für’s Lesen und Ihnen auch alles Gute!

      Liked by 1 person

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s